Internationale Begegnung

 

I. Vorgeschichte und Vorbereitung

Aufgrund privater Initiative (einer der beiden Türkischlehrer unserer Schule, Ahmet Sener Özcan, hat dort selbst die Schule besucht) unterhält das Clauberg-Gymnasium seit sieben Jahren eine Verbindung zum Hacibektas Lisesi in Hacibektas/Nevsehir, einem Pilgerort des Bektasiordens, der dem alevitischen Islam zugerechnet wird. Unsere 10. Klassen bzw. unsere Oberstufenkurse hatten in den vergangenen Jahren jeweils die Möglichkeit, sich für eine Fahrt in die Türkei und zu unserer Partnerschule oder für eine völlig andere Reise zu entscheiden. Aufgrund der besonderen Prägung unseres Gymnasiums, das einen sehr hohen Ausländeranteil von im Durchschnitt 50% - darunter viele türkische SchülerInnen - hat, war das Interesse an der Verbindung zur Partnerschule von vorne herein sehr hoch. Bisherige Erfahrungen gab es im Austausch mit einem Gymnasium in Istanbul, der aber wegen der unterschiedlichen sozialen Herkunft der Istanbuler und unserer Duisburger SchülerInnen nach einigen gegenseitigen Besuchen wieder abgebrochen wurde. (Unsere Schule liegt in einem Teil der Stadt mit besonders hoher Arbeitslosigkeit und vielen finanziell schwachen Familien, die Istanbuler SchülerInnen stammten dagegen fast alle aus sehr privilegierten Elternhäusern). In den vergangenen Jahren haben sich daher immer mindestens eine der beiden 10. Klassen oder Kurse der Oberstufe für die Fahrt nach Ankara und Hacibektas entschieden. Alle bisherigen Fahrten wurden immer von A.S. Özcan und den jeweiligen Klassen- oder Kurslehrerinnen bzw. -lehrern begleitet, so dass es inzwischen einige zentrale Programmpunkte in der Reiseplanung gibt, die auch weiterhin beibehalten werden sollen. Die bisherigen Fahrten unterschieden sich dabei mitunter in den gewählten Reiserouten oder aber auch in den thematischen Schwerpunkten. So sind manche Gruppen zusätzlich noch in Istanbul gewesen, andere haben das Glück gehabt, zusammen mit der Partnerschule ein alevitisches Festival in der Nähe von Antalya besuchen zu können oder eine gemeinsame Exkursion zu den historischen Stätten von Ephesus (bei Kusadasi) zu unternehmen . Eine besondere Kursfahrt gab es für die TeilnehmerInnen der AG "Türkisch für deutsche/nicht-türkische SchülerInnen und LehrerInnen". Sie haben sogar einen einwöchigen Sprachkurs am Institut TÖMER (dem deutschen Goethe-Institut vergleichbar) in Izmir absolviert. Die internationalen Begegnungen der Klassen bzw. Kurse mit den Schülern und Studenten in der Türkei sind übereinstimmend von allen Beteiligten als äußerst positiv bewertet worden. Die teilweise sehr umfangreichen inhaltlichen Vorbereitungen dieser Fahrten haben sich als sinnvoll und nützlich erwiesen. Die nicht-türkischen Schülerinnen und Schüler waren stark motiviert, ihre zuvor unter Mithilfe ihrer türkischen Klassenkameraden in unserem speziellen Sprachunterricht zuhause erworbenen Basiskenntnisse der türkischen Sprache anzuwenden. Einige SchülerInnen wollen diese Sprachkenntnisse in den kommenden Schuljahren weiter ausbauen. Aufgrund der trotzdem noch notwendigen "Übersetzertätigkeiten" der türkischen SchülerInnen ergab sich auch für das Verhältnis untereinander eine sehr positive Veränderung, die alle, die an den Fahrten teilgenommen haben, deutlich empfanden. Manche Differenzen, die teilweise über mehrere Jahre bestanden hatten, wurde abgebaut durch das gemeinsame Erlebnis der Türkeireisen und durch ein völlig neues Verständnis der nicht-türkischen SchülerInnen für den kulturellen Hintergrund ihrer türkisch-stämmigen MitschülerInnen. Letztere hatten natürlich in der Regel einen Informationsvorsprung, soweit es das Leben in der Türkei betraf, und fühlten sich vertrauter mit den Gepflogenheiten, Sitten und Gebräuchen des Landes. Allerdings brachte auch für diese SchülerInnen die intensive Auseinandersetzung insbesondere mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im Herkunftsland ihrer Eltern ganz neue Einsichten, die u. Umständen auch Einfluss auf eine persönliche Lebensplanung nehmen werden (z.B. in der Frage der weiteren Ausbildung oder einer möglichen beruflichen Tätigkeit, angeregt durch intensive Diskussionen mit Studenten in Ankara). Für die deutschen SchülerInnen war - ebenfalls schon in den Phasen der Reisevorbereitungen - die Beschäftigung mit dem Islam und hier insbesondere mit den Unterschieden zwischen den religiösen Traditionen der Sunniten und der Aleviten eine neue Erfahrung. Durch die Aufenthalte bei den alevitischen Gastfamilien ergaben sich vielfältige Ansatzpunkte für vertiefende Gespräche über diese Themen, insbesondere weil die Mehrzahl unserer türkischen SchülerInnen der sunnitischen Glaubensrichtung angehören und teilweise mit erheblichen Vorurteilen diese Reisen angetreten hatten. Nach Abschluß der Fahrten haben diese SchülerInnen uns bestätigt, dass sie ihre Vorurteile grundsätzlich revidieren mußten. Außerdem wurden die - bisher teilweise sehr wenig politisch interessierten Jugendlichen - sensibilisiert für die Probleme und berechtigten Forderungen der alevitischen Minderheit in der Türkei. Der Kontakt zum Hacibektas Lisesi erwies sich in allen Fällen als sehr freundschaftlich und zeigte das große Interesse, das unsere türkische Partnerschule an der Beziehung zum Clauberg-Gymnasium hat. Obwohl wir jetzt bereits so viele Male Gäste in Hacibektas waren, ist es unseren türkischen Partnern leider bisher nur einmal gelungen, einen Gegenbesuch in Duisburg zu organisieren und vor allen Dingen zu finanzieren. Im August 1999 war eine Gruppe von Lehrern bzw. Lehrerinnen und SchülerInnen aus Hacibektas für zwei Wochen in Duisburg. Sie wohnten bei SchülerInnen bzw. LehrerInnen unserer Schule, besuchten den Unterricht und die "Sehenswürdigkeiten" der näheren (CentrO/Gasometer/Duisburger Hafen/Thyssen/Mercedes) und der weiteren Umgebung (Köln, Amsterdam). Insgesamt lässt sich festhalten, dass sowohl die Begegnung mit den Studenten und Studentinnen der Hacettepe-Universität in Ankara ( auch ein fester Bestandteil der meisten Fahrten) als auch die Aufenthalte in der Schule und bei den Gastfamilien in Hacibektas die zentralen Elemente der Fahrten waren und für alle Beteiligten eine wesentliche Bereicherung bedeuteten. Zahlreiche auf diese Weise entstandene und weiterhin bestehende persönliche Kontakte auf offizieller wie auf rein privater Ebene zu den türkischen Partnern sind gerade für unser Gymnasium und sein spezielles Anliegen im Hinblick auf eine interkulturelle Erziehung unserer SchülerInnen wichtig und sollen auch weiterhin gepflegt werden.

 

II. Beispiel einer Internationalen Begegnung

Im folgenden wollen wir an einem Beispiel zeigen, wie eine solche Fahrt abgelaufen ist. Es handelt sich dabei um die Projektreise der Klasse 10b vom 22.05. - 3.6.1997. Schwerpunkt der Projektreise war der alevitische Islam (Geschichtliche Hintergründe und aktuelle Probleme) Dieser Schwerpunkt - die nähere Beschäftigung mit dem alevitischen Islam - ergab sich letztlich fast zwingend auch aus der Lage der Partnerschule. Hacibektas ist, als ehemaliges Ordenszentrum der Bektasi und Wirkungsstätte des halblegendären Haci Bektas Veli Ende des 13. Jahrhunderts, heute ein Pilgerort der Aleviten, wo alljährlich vom 16. - 18. August besondere Gedenkfeierlichkeiten stattfinden. In der Klasse 10b war zuletzt nur ein alevitischer Schüler (der aber an der Reise nicht teilnahm), allerdings ist unser Schulleben, wie bereits erwähnt, geprägt von der Tatsache, dass die Mehrzahl der Schüler islamischen Glaubens sind. Im unterrichtlichen Gespräch wie auch in privaten Diskussionen der SchülerInnen wurden und werden immer wieder religiöse Fragestellungen thematisiert, so dass deutsche wie türkische SchülerInnen der Klasse ein verstärktes Interesse an den unterschiedlichen Ausprägungen des Islam entwickelten. Insbesondere der alevitische Islam fand dabei ihr Interesse, nicht zuletzt, weil hier für die SchülerInnen eine Art "Brücke" zum Christentum erkennbar wurde. In vielen Bereichen des täglichen Lebens erscheint der alevitische Islam den von der westlichen Kultur geprägten Jugendlichen als weniger "streng". Die Tatsache, dass die Aleviten in der Türkei als religiöse und kulturelle Minderheit nicht anerkannt werden und mancherlei Verfolgungen und Repressalien ausgesetzt sind, obwohl sie seit der Republikgründung zu den wichtigen Mitgestaltern des säkularen öffentlichen Lebens zählen, hat uns dann endgültig bewogen, die diesjährige Begegnungsfahrt nach Hacibektas unter das Thema "Der alevitische Islam" zu stellen und uns verstärkt mit Geschichte, Religion und Kultur der Aleviten auseinanderzusetzen. Im Frühjahr 1996 organisierten wir einen Briefkontakt der SchülerInnen der 10b mit denjenigen Schülerinnen und Schülern des Hacibektas Lisesi, die wir im Mai 1997 besuchen wollten, so dass hier bereits private Kontakte aufgebaut werden konnten. Den SchülerInnen der 10b war dabei freigestellt, ob sie in Englisch, Deutsch oder Türkisch korrespondieren wollten. Zusätzlich wurden Erfahrungsberichte sowie Film-/bzw. Diavorträge von Teilnehmern der letztjährigen internationalen Begegnungen ausgewertet. Da mehrere SchülerInnen der Klasse die türkische Sprache beherrschten, wurde außerdem in einer speziellen Klassenleiterstunde ein besonderer Sprachunterricht begonnen, bei dem wir hauptsächlich in Kleingruppenarbeit versucht haben, Grundkenntnisse der türkischen Sprache und Aspekte der Landeskunde zu erarbeiten. Wir orientierten uns hierbei an K.- H. Schefflers "Türkisch in letzter Minute". Die türkischen SchülerInnen hatten dabei weitgehend die "Lehrerrolle", was ihnen teilweise sehr viel Spaß gemacht hat. Diesen "Sprachunterricht" haben wir ergänzt durch Filmmaterial des WDR-Fernsehens: "Ver elini Türkiye"). Geschichte und Kultur der Türkei (z.B. das Ende des Osmanischen Reiches, die Gründung der Türk. Republik, sunnitische und alevitische Glaubensfragen, die aktuelle gesellschaftliche und politische Lage und die Literatur der Türkei) waren zudem in den Monaten vor der Reise auch Unterrichtsgegenstand (u.a. im Fach Politik). Während der Unterrichtsarbeit wurde immer wieder in besonderer Weise auf die Situation der Aleviten eingegangen. Eine Ausstellung und Vortragsreihe zum Thema "Der alevitische Islam", die zufällig im Februar 1997 von der Volkshochschule der Stadt Duisburg (in Zusammenarbeit mit dem Aleviten- und Bektasi-Kulturverein, der Alevitischen Gemeinde Duisburg und dem Zentrum für Türkeistudien in Essen) durchgeführt wurde, wurde von der Klasse besucht und gab uns neue Anregungen für eine Diskussion. Vor der Begegnungsfahrt fand zusätzlich ein Projekttag mit allen beteiligten SchülerInnen statt, an dem wir den örtlichen Aleviten- und Bektasi-Kulturverein besucht haben. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich bereits deutlich, wie wichtig und notwendig unsere Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema war. Zwei Väter von sunnitischen Schülerinnen waren sehr ärgerlich über unser Vorhaben, den in ihrer Nachbarschaft gelegenen Verein zu besuchen und drohten damit, ihren Töchtern die gesamte Reise zu verbieten. Die Mädchen berichteten, die Väter seien äußerst besorgt gewesen, man könne die Kinder in diesem Verein zur Mitgliedschaft zwingen bzw. sie hätten auch andere sehr diffuse Vorstellungen davon gehabt, was unser Besuch dort bezwecken sollte und wie "gefährlich" der Aufenthalt für die sunnitischen SchülerInnen der Klasse dort sei. Glücklicherweise konnten die Mädchen ihre Eltern von der Seriosität unseres Vorhabens überzeugen und wir verbrachten einige Stunden im Gespräch mit Vorstandsmitgliedern, die uns etwas von der Situation der Aleviten in Deutschland bzw. in Duisburg speziell, von der Arbeit des Vereins und von den Grundlagen ihres Glaubens erzählten. Wir besichtigten die neuen Räumlichkeiten (z.B. auch den Raum, der für die Aufbahrung und rituelle Waschung von Leichnamen vorgesehen ist) und erfuhren auf diese Weise etwas über die verschiedenen Bräuche und Traditionen. Die Zielsetzung dieser Fahrt war es also einerseits, zunächst den deutschen SchülerInnen einen allgemeinen Einblick in das Leben und die Kultur in der Türkei zu geben und somit das Verständnis für die in Deutschland lebenden türkischen MitbürgerInnen bzw. MitschülerInnen und ihre Familien zu wecken. Schwerpunktmäßig sollten dann vor Ort Besuche in Alevitenvereinen und Diskussionen mit den Mitgliedern dort über historische und aktuelle Fragestellungen stattfinden. Beim Aufenthalt in Hacibektas sollten das tägliche Leben in den alevitischen Gastfamilien kennengelernt und möglicherweise kulturelle und religiöse Unterschiede/ Gemeinsamkeiten/ Probleme aufgedeckt werden. Andererseits sollten auch die (sunnitischen) türkischen SchülerInnen der Klasse einen besseren Zugang zu den geistigen und gesellschaftlichen Wurzeln in der Kultur des Herkunftslandes ihrer Eltern und Großeltern bekommen, so dass eine eigene Standortbestimmung erleichtert werden könnte (Remigrationsproblematik). Ein zusätzlicher, aus dem besonderen Schwerpunkt dieser Fahrt resultierender Aspekt, war für uns der Abbau von eben jenen Vorurteilen, die manche der sunnitischen SchülerInnen (und ihre Familien) der alevitischen Konfession entgegenbringen, und die Förderung eines gegenseitigen Verständnisses bzw. der gegenseitigen Toleranz zwischen Aleviten und Sunniten.

 

III. Durchführung des Programms

Donnerstag, d. 22.5.97

Nachmittags Flug von Düsseldorf Ankunft in Istanbul (aus organisatorischen Gründen) und Transfer zum Hotel. Dort zunächst Aufteilung der Zimmer und danach Besprechung der folgenden Tage bzw. praktische und theoretische Einweisung in bestimmte Gegebenheiten des Gastlandes und der Unterkunft (u.a. zu den etwas komplizierten örtl. Devisen; zur Lage des Hotels und der Umgebung im Stadtteil Sultanahmet/Ausgabe u. Erläuterung v. Stadtplänen). Rundgang im o.g. Stadtteil mit Besichtigung der Sultan Ahmet-Moschee und gemeinsames Abendessen.

Freitag, d. 23.5.97

Vormittags Nutzung des Istanbul-Aufenthalts zur gemeinsamen Besichtigung des Topkapi-Sarayi in Begleitung einer ehemaligen Türkischlehrerin des Clauberg-Gymnasiums. Informelle Gespräche zu den veränderten Lebensbedingungen in der Türkei u. zur aktuellen politischen Lage. Nachmittags Fortsetzung dieses Gesprächs bei einem Termin im Redaktionsgebäude der CUMHURIYET (s. Kopie des anschließend erschienenen Zeitungsartikels über unseren Besuch). Abends/nachts Fahrt nach Ankara.

Samstag, d. 24.5.97

Wegen der späten Ankunft in Ankara fand die erste Begegnung mit Studenten des Germanistischen Instituts der Hacettepe-Universität erst gegen Mittag statt. Gemeinsamer Rundgang im modernen Teil von Ankara und Besichtigung der neuen Moschee in der Nähe des Hotels am Nachmittag. Anschließend wurden in einer Gesprächsrunde im Hotel und bei einem gemeinsamen Essen erste Eindrücke ausgetauscht; die unterschiedlichen Bildungssysteme wurden verglichen und die besonderen Probleme von Remigranten erörtert (die meisten der Germanistikstudenten hatten jeweils längere Zeiten in Deutschland gelebt bzw. waren dort geboren).

Sonntag, d. 25.5.97

In Begleitung der Studenten unternahmen wir eine ganztägige Stadtrundfahrt, bei der wir uns schwerpunktmäßig die Gebäude bzw. Denkmäler ansahen, die in Zusammenhang mit der Gründung der türkischen Republik stehen (das Atatürk-Mausoleum und das angeschlossene Museum, die ersten beiden Parlamentsgebäude). Es ergaben sich verschiedene angeregte Diskussionen über die Situation zur Zeit des Befreiungskrieges und die Vorgehensweise von Atatürk und seinen Gefolgsleuten. Auch wurde uns das soziale Gefälle im modernen Ankara bei der Fahrt durch verschiedene Stadtteile deutlich und wurde kontrovers diskutiert. Am Abend fand noch eine Begegnung mit einem Vertreter des Haci Bektas Veli-Vereins in Ankara statt, der uns etwas über die Rolle der Aleviten beim Befreiungskampf und bei der Gründung der Türkischen Republik erzählte. Die Aleviten begrüßten damals die Abschaffung der Seriat (dem islamischen Recht) sowie die Einführung des Laizismus und erhofften sich dadurch eine Gleichberechtigung in staatlichen Angelegenheiten. Statt dessen blieb der sunnitische Islam Staatsreligion und der Alevismus wurde erneut verboten. Auch das Hauptkloster des Bektasi-Ordens in Hacibektas wurde 1925 von den Kemalisten geschlossen und erst 1964 als Museum wiedereröffnet (s.u.). Trotzdem und gegen alle Unterdrückungsversuche blieben die Aleviten bis heute eine bedeutende demokratische Kraft im politischen wie auch im gesellschaftlichen Leben der Türkei.

Montag, d. 26.5.97

Vormittags fuhren wir zur Hacettepe-Universität. Dort fand ein offizieller Empfang für unsere Gruppe statt, gestaltet von den Dozenten und Studenten des Germanistischen Instituts. Es wurden erneut Fragen zu den unterschiedlichen Bildungssystemen diskutiert und die Probleme und Möglichkeiten erörtert, die sich für unsere türkischen SchülerInnen im Hinblick auf die Frage einer Rückkehr in die Türkei als Alternative zu einer weiterführenden Ausbildung in Deutschland ergeben würden. Nach einem gemeinsamen Mittagessen erkundeten die SchülerInnen der 10b zusammen mit den gastgebenden Studenten das Universitätsgelände in kleineren Gruppen und trafen sich auch am Abend erneut zu einem Gedankenaustausch und zu gemeinsamer Freizeit.

Dienstag, d. 27.5.97

Vormittags fand ein weiteres Treffen mit den Studenten statt, um in kleineren Arbeitsgruppen auf der Grundlage der speziellen Vorbereitung im Unterricht zuhause verschiedene Themen zu erörtern (Vergleich zweier Demokratien/ Minderheitenproblematik/ Alevismus/ Laizistisch-demokratische Gesellschaftsordnung/ Rolle der Frau im Islam und hierbei insbesondere die Tatsache, dass die Frau im anatolischen Alevismus gleichberechtigt am religiösen und gesellschaftlichen Leben teilnimmt und z.B. nicht den Regeln der Verschleierung unterliegt). Anschließend gemeinsame Besichtigung der Altstadt mit der Zitadelle und dem Museum für anatolische Zivilisation. Abends trafen sich Schüler und Studenten zu gemeinsamer Freizeitgestaltung und Vertiefung privater Kontakte, die auch über die Reise hinaus noch bestehen.

Mittwoch, d. 28.5.97

Wir fuhren am späten Vormittag nach Hacibektas und trafen dort gegen 18 Uhr ein. Von den Lehrern unserer Partnerschule, dem Hacibektas Lisesi, und von einer Gruppe von Schülern wurden wir offiziell empfangen und mit einer Folklore-Darbietung (Semah) begrüßt. Nach einem gemeinsamen Essen wurden die Schüler (jeweils, soweit möglich, deutsche und türkische SchülerInnen gemischt) von den Gastfamilien abgeholt und mit nach Hause genommen.

Donnerstag, d. 29.5.97

Am Vormittag besuchten wir die Schule und nahmen an verschiedenen Unterrichtsstunden teil. Zwischendurch fanden jeweils Gespräche in unterschiedlichen Gruppierungen statt, in denen verschiedene Aspekte des türkischen Bildungssystems und Unterschiede/Gemeinsamkeiten der beiden Partnerschulen erörtert wurden. Während die Schüler an einer Sportveranstaltung und einer Einweisung in die religiösen Tanzformen (Semah) der Bektasi-Aleviten teilnahmen, wurden die begleitenden Lehrkräfte vom Oberbürgermeister der Stadt sowie vom Gouverneur der Region empfangen. Dort wurden jeweils u.a. Möglichkeiten und Probleme des Gegenbesuchs einer Gruppe von Schülern und Lehrern aus Hacibektas in Duisburg im kommenden Jahr besprochen. Den Abend verbrachten die SchülerInnen der 10b zusammen mit den gastgebenden SchülerInnen in einem zentral gelegenen neuen Café, das von jüngeren Besitzern geführt wurde und von den Bewohnern des Ortes sowie auch von unseren Jugendlichen als Begegnungsstätte angenommen wurde. Hier wurde uns erneut einer der Unterschiede deutlich gemacht, die das alltägliche Leben in einer vom Alevismus geprägten Kleinstadt von dem in anderen Kleinstädten und Dörfern in der Türkei unterscheidet - die Tatsache, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen (bzw. auch Männer mit ihren Ehefrauen) gemeinsam dieses Café aufsuchen und als Treffpunkt in ihrer Freizeit nutzen.

Freitag, d. 30.5.97

Nachdem wir am Morgen zunächst erneut an einigen Unterrichtsstunden teilgenommen hatten, bildeten sich zur Durchführung unseres geplanten Projekts kleinere Arbeitsgruppen aus Schülern der 10b und gastgebenden Schülern. Da das Projekt sich in der Hauptsache mit der Geschichte und Tradition der Bektasi-Aleviten beschäftigen sollte, besuchten wir zunächst am Nachmittag alle gemeinsam das Haci Bektas Veli-Museum, die ehemalige Tekke (ein Derwischkloster), um uns dort über das Leben dieses Philosophen und seiner Anhänger zu informieren, der den Ort (bis hin zur Namengebung) so nachhaltig geprägt hat. Den Abend verbrachten die SchülerInnen in den Gastfamilien.

Samstag, d. 31.5.97

Wir unterbrachen die Arbeit der Projektgruppen, um zusammen mit Schülern, Lehrern und deren Familien einen ganztägigen Ausflug in die nähere und weitere Umgebung zu unternehmen. Hierbei wurden verschiedene kulturhistorische Stätten besucht und die Schüler hatten Gelegenheit, die soziale und wirtschaftliche Situation in den umliegenden Dörfern der kappadokischen Region kennenzulernen. Bei einem gemeinsamen Picknick mit traditioneller Musik und Folkloretanz wurden die Schülern auch mit verschiedenen kulinarischen Besonderheiten der Gegend bekannt gemacht (z.B. dem Çig Köfte).

Sonntag, d. 1.6.97

Die Arbeit in den Projektgruppen wurde fortgesetzt. Am Morgen fand dazu ein Vortrag des Bürgermeisters mit anschließender Diskussion statt. Hierbei wurde u.a. auch die Rolle des Ortes als geistigem Zentrum und Pilgerstätte für die Bektasi-Aleviten besprochen (jedes Jahr 16. - 18. August besuchen Tausende von Pilgern mehrere Tage lang Hacibektas, um dort an Gedächtnisfeierlichkeiten zu Ehren des Ordensstifters teilzunehmen - Haci Bektas Veli'yi Anma Törenleri). In den Kleingruppen wurde nach einem gemeinsamen Essen ausführlich und vergleichend über das Leben in den alevitischen Familien, über Bräuche und Traditionen der Region und Besonderheiten im Zusammenleben der Menschen dieser Glaubensrichtung diskutiert (die sich den westlich geprägten Jugendlichen als weniger "streng" im Vergleich zum sunnitischen Islam darstellte). Die vielfach geradezu "revolutionären" Ideen Haci Bektas Velis wurden hervorgehoben (das hohe Ansehen von Kunst und Wissenschaft, die Gleichstellung von Mann und Frau, die Freiwilligkeit in der Ausübung religiöser Rituale, die Aufhebung des Bilder- und Alkoholverbots sowie die Abfassung religiöser Lyrik in türkischer Sprache). Es wurde aber auch beobachtet, dass aufgrund der veränderten modernen Lebensbedingungen auch in Dörfern und Kleinstädten Zentralanatoliens die traditionellen religiösen Grundlagen und Praktiken immer mehr an Bedeutung verlieren. Es finden teilweise gar keine religiösen Zeremonien (Cem) mehr statt. Den Abend verbrachten die SchülerInnen und ihre GastgeberInnen bei Tanz, Musik und ortsüblichen Brettspielen (Backgammon/Tavla) und improvisierten Billardturnieren gegen einige Bewohner des Ortes im o.g. Café.

Montag, d. 2.6.97

Am Morgen besuchten die SchülerInnen erneut den Unterricht des Partnergymnasiums und stellten dort u.a. die Ergebnisse der Projektgruppenarbeit vor. Die begleitenden Lehrkräfte wurden anschließend gemeinsam mit dem Schulleiter, Herrn Hüseyin Günay, vom zuständigen Schuldezernenten empfangen, wo wir erneut die Bitte um Unterstützung eines Gegenbesuchs des Hacibektas Lisesi in Duisburg vorbrachten und verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten besprachen. Am Nachmittag hatten die SchülerInnen Zeit, sich auf die Abreise vorzubereiten. Am Abend fand dann im örtlichen Kulturhaus eine Abschiedsfeier statt, zu der der Gouverneur neben den offiziellen Repräsentanten der Stadt die LehrerInnen der Partnerschule und ihre Familien sowie die Gastfamilien, bei denen unsere SchülerInnen gewohnt hatten, eingeladen hatte. In der Nacht noch erfolgte die Abreise nach Ankara.

Dienstag, d. 3.6.97

Rückflug nach Düsseldorf am frühen Morgen. Dies war ein Beispiel - die anderen Fahrten waren, wie schon erwähnt, mit leichten Unterschieden in Reiseroute und Schwerpunktsetzung, ähnlich, aber alle gleichermaßen interessant, vielseitig, bunt, schön, aufregend, anregend und sollten im Interesse der Schülerinnen und Schüler unserer Schule in jedem Fall weiterhin durchgeführt werden!!

Margit Heitzer

Ahmet Sener Özcan